Chronische Entzündung und Ihr Herz: der Risikofaktor, der oft übersehen wird
3. Juni 2026
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in der Schweiz. Laut der Schweizerischen Herzstiftung ist etwa jeder dritte Todesfall auf eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall zurückzuführen. Wer an Herzinfarktrisiko denkt, hat meist die klassische Checkliste im Kopf: hohes Cholesterin, hoher Blutdruck, Rauchen, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, familiäre Vorbelastung. Diese Faktoren sind wichtig, erklären aber nicht alles.
Etwa die Hälfte aller Herzinfarkte tritt bei Menschen auf, deren Cholesterinwerte keinen Anlass zur Sorge gegeben hätten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat eine wachsende Zahl von Studien auf chronische, niedriggradige Entzündung als möglichen Treiber kardiovaskulärer Ereignisse hingewiesen, der still neben klassischen Risikofaktoren wirkt und oft weder gemessen noch behandelt wird.
Das Schwierige daran: Diese Art von Entzündung fühlt sich nicht wie eine typische akute Entzündungsreaktion nach einer Verletzung an. Es gibt kein Fieber, keine Schwellung, keine Schmerzen. Es ist ein langsamer biochemischer Prozess in Ihren Blutgefässwänden. Es gibt jedoch spezifische Blutmarker, die auf eine chronische Entzündung hinweisen.
Was eine niedriggradige Entzündung eigentlich ist
Entzündung ist die Reaktion Ihres Immunsystems auf Verletzungen oder Infektionen. Wenn Sie sich in den Finger schneiden, sind die Rötung und Wärme ein Zeichen dafür, dass die akute Entzündung ihre Arbeit tut: Gewebetrümmer beseitigen, Krankheitserreger bekämpfen, Reparaturprozesse einleiten. Sie baut sich schnell auf und klingt ab, sobald die Bedrohung vorüber ist.
Eine niedriggradige chronische Entzündung ist etwas anderes. Es handelt sich um eine anhaltende, schwache Aktivierung des Immunsystems, die sich nicht auflöst. Anstatt auf ein einzelnes Ereignis zu reagieren, bleibt der Körper über Monate oder Jahre in einem Zustand leichter Immunaktivierung. Die Auslöser sind vielfältig: viszerales Fett (das metabolisch aktiv ist und entzündungsfördernde Signalmoleküle produziert), Insulinresistenz, schlechter Schlaf, chronischer Stress, Rauchen, ein bewegungsarmer Lebensstil oder eine unausgewogene Ernährung mit viel verarbeiteten Lebensmitteln.
Eine niedriggradige Entzündung verursacht keine offensichtlichen Symptome. Sie fühlt sich nicht an wie eine Halsentzündung. In Ihren Blutgefässen beschleunigt sie jedoch den Prozess der Atherosklerose: die Ablagerung von Plaques in Ihren Arterienwänden.
Wie Entzündung Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorantreibt
Der Zusammenhang zwischen Entzündung und Herzerkrankungen ist nicht neu, doch es dauerte Jahrzehnte, um von der Hypothese zu belastbaren Belegen zu gelangen. Hier der Mechanismus in vereinfachter Form.
Atherosklerose beginnt, wenn LDL-Cholesterinpartikel die innere Auskleidung einer Arterie durchdringen und in der Gefässwand eingeschlossen werden. Das Immunsystem erkennt diese Partikel als fremd in ihrer natürlichen Umgebung und schickt weisse Blutkörperchen (Makrophagen), um sie aufzunehmen. Im Laufe der Zeit werden diese Makrophagen mit Cholesterin überladen und bilden sogenannte Schaumzellen. Dies ist der Beginn von Plaques.
Chronische Entzündung verstärkt diesen Prozess auf jeder Stufe. Entzündungsfördernde Signalmoleküle (Zytokine wie Interleukin-6 und Interleukin-1β) rekrutieren weitere Immunzellen, verdicken die Plaques und destabilisieren sie. Eine stabile Plaque kann jahrelang in einer Arterie sitzen, ohne Schaden anzurichten. Eine entzündete, instabile Plaque hingegen ist diejenige, die aufbricht und das Blutgerinnsel auslöst, das einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht.
Deshalb können zwei Menschen mit identischen Cholesterinwerten sehr unterschiedliche Verläufe haben. Die Person mit höherer Entzündung hat mehr instabile Plaques und ein höheres kardiovaskuläres Risiko.
Die Evidenz: „SMuRF-less but inflamed"
In der Präventivkardiologie haben die klassischen modifizierbaren Risikofaktoren einen Namen: SMuRFs (standard modifiable risk factors), also Bluthochdruck, Dyslipidämie, Diabetes und Rauchen. Wer keinen dieser Faktoren aufweist, gilt nach den meisten Screening-Algorithmen als risikoarm. Dennoch tritt ein erheblicher Anteil kardiovaskulärer Ereignisse bei Menschen ohne diese Faktoren auf, insbesondere bei Frauen.
Eine wegweisende Studie, veröffentlicht im European Heart Journal 2026 von Paul Ridker und Kollegen, untersuchte genau diese Population. Die Forscher begleiteten 12'530 anfänglich gesunde Frauen aus der NIH-finanzierten Women's Health Study, die keine klassischen modifizierbaren Risikofaktoren aufwiesen, also unauffällige Werte bei Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker und Raucherstatus. Der einzige Unterschied bei der Eingangsuntersuchung war der hsCRP-Wert (hochsensitives C-reaktives Protein), ein Blutmarker für systemische Entzündung.
Die Ergebnisse über 30 Jahre waren bedeutend. Frauen mit einem hsCRP über 3 mg/L hatten ein 77 % höheres Risiko für koronare Herzereignisse, ein 39 % höheres Risiko für ischämischen Schlaganfall und ein 52 % höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt im Vergleich zu Frauen mit einem hsCRP unter 1 mg/L. Das KHK-Risiko stieg mit jedem hsCRP-Quintil um 21 %. Nach allen gängigen Massstäben hätten diese Frauen als völlig gesund gegolten. Das einzige Signal war die Entzündung.
Die Studienautoren prägten den Begriff „SMuRF-less but inflamed" für diese Personen: Menschen, die durch das konventionelle Screening fallen, weil sie keine traditionellen Risikofaktoren haben, aber ein bedeutsames kardiovaskuläres Risiko tragen, das sich nur zeigt, wenn man die Entzündung misst.
Diese Erkenntnis kam nicht aus dem Nichts. Zwei frühere Studien legten das Fundament.
Die JUPITER-Studie (2008) schloss 17'802 scheinbar gesunde Personen mit normalem LDL-Cholesterin, aber erhöhtem hsCRP ein. Rosuvastatin (ein Statin) reduzierte kardiovaskuläre Ereignisse in dieser Gruppe um 38 %, wobei sowohl LDL um 50 % als auch hsCRP um 37 % gesenkt wurden. JUPITER war die erste grosse Studie, die zeigte, dass die gezielte Behandlung von Entzündung, nicht nur von Cholesterin, Herzinfarkte bei ansonsten gesunden Menschen verhindern kann.
Die CANTOS-Studie (2017) ging noch weiter. Ridker und Kollegen testeten Canakinumab, einen monoklonalen Antikörper, der Interleukin-1β (ein wichtiges entzündungsförderndes Zytokin) blockiert, bei 10'061 Patienten nach Herzinfarkt mit anhaltend erhöhtem hsCRP. Canakinumab reduzierte kardiovaskuläre Ereignisse, ohne die Cholesterinwerte zu verändern. Dies war der definitive Beweis, dass Entzündung selbst, unabhängig vom Cholesterin, das kardiovaskuläre Risiko beeinflusst.
Zusammengenommen erzählen diese drei Studien eine klare Geschichte: Chronische niedriggradige Entzündung ist ein kardiovaskulärer Risikofaktor, den man messen und auf den man reagieren kann. Die Herausforderung ist, dass die meisten Screening-Programme ihn noch nicht messen.
Die relevanten Marker
Wenn niedriggradige Entzündung so wichtig ist, stellt sich die Frage: Wie misst man sie? Einige zentrale Marker:
- hsCRP (hochsensitives C-reaktives Protein). Dies ist der am besten validierte Entzündungsmarker für die kardiovaskuläre Risikobeurteilung. CRP wird von der Leber als Reaktion auf Entzündungssignale (hauptsächlich IL-6) produziert. Der hochsensitive Test misst es in sehr niedrigen Konzentrationen, was für die kardiovaskuläre Risikostratifizierung nötig ist. Sowohl das American College of Cardiology als auch die European Society of Cardiology anerkennen hsCRP als sinnvolle Ergänzung zu traditionellen Risikoscores. Risikokategorien: unter 1 mg/L ist niedrig, 1–3 mg/L ist moderat, über 3 mg/L ist hoch.
- BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit). Ein weniger spezifischer, aber breit einsetzbarer Marker für systemische Entzündung. Eine erhöhte BSG zusammen mit erhöhtem hsCRP verstärkt das Signal.
- Differenzialblutbild. Die Zusammensetzung Ihrer weissen Blutkörperchen, insbesondere das Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis, kann auf eine chronische Immunaktivierung hinweisen, auch wenn die einzelnen Werte im Normbereich liegen.
- ApoB und Lipidverhältnisse. Obwohl keine Entzündungsmarker im engeren Sinne, steht Apolipoprotein B (das Protein, das LDL in die Arterienwände transportiert) in direktem Zusammenhang mit dem Entzündungsprozess. ApoB zusammen mit hsCRP ergibt ein vollständigeres Bild Ihres Atheroskleroserisikos als jeder Marker allein.
Das Problem: Eine reguläre Vorsorgeuntersuchung im Rahmen der Grundversicherung umfasst in der Regel ein einfaches Lipidpanel (Gesamtcholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride) und eventuell einen Nüchternglukosewert. HsCRP gehört in den meisten Hausarztpraxen nicht zum Routinescreening, ebenso wenig ApoB. Das bedeutet, dass die entzündliche Komponente Ihres kardiovaskulären Risikos oft völlig ungemessen bleibt. Bei Ahead Health gehören hsCRP, ApoB und ein vollständiges Differenzialblutbild zu jedem erweiterten Blutpanel.
Was Sie bei erhöhter Entzündung tun können
Die ermutigende Nachricht: Niedriggradige Entzündung lässt sich beeinflussen. Für viele Menschen senken dieselben Massnahmen, die die metabolische Gesundheit verbessern, auch die Entzündung.
Viszerales Fett ist einer der stärksten Treiber. Fettgewebe um die Organe ist metabolisch aktiv und produziert IL-6 sowie andere entzündungsfördernde Zytokine. Eine Reduktion des viszeralen Fetts durch nachhaltige Ernährungsumstellungen und regelmässige körperliche Aktivität hat eine direkte entzündungshemmende Wirkung. Es braucht dafür keinen drastischen Gewichtsverlust: Bereits eine moderate Reduktion des Bauchumfangs geht mit messbaren hsCRP-Senkungen einher.
Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Ein mediterranes Ernährungsmuster, reich an Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen, Olivenöl und fettem Fisch, ist in europäischen Populationen konsistent mit niedrigerem hsCRP und weniger kardiovaskulären Ereignissen assoziiert. Die Omega-3-Fettsäuren im Fisch (EPA und DHA) haben direkte entzündungshemmende Eigenschaften.
Regelmässige moderate Bewegung, etwa 150 Minuten pro Woche, senkt Entzündungsmarker unabhängig vom Gewichtsverlust. Schlafqualität wird unterschätzt: Chronisch kurzer Schlaf (unter 6 Stunden) ist mit erhöhtem CRP assoziiert. Und ein Rauchstopp hat einen der grössten Einzeleffekte auf die Reduktion systemischer Entzündung.
Für Menschen mit anhaltend erhöhtem hsCRP trotz Lebensstiloptimierung verlagert sich das Gespräch mit dem Arzt in Richtung medikamentöser Optionen. Statine senken sowohl LDL als auch hsCRP. Niedrig dosiertes Colchicin, ein bewährtes Entzündungsmedikament, hat in neueren Studien kardiovaskuläre Vorteile gezeigt. Dies sind klinische Entscheidungen und keine Selbstmedikation, setzen aber voraus, dass man seine Werte kennt.
Wie Ahead Health ins Bild passt
Bei Ahead Health messen wir Entzündungsmarker in unseren erweiterten Blutpanels. Was wir oft beobachten: Menschen mit lehrbuchmässig normalem Cholesterin, die einen erhöhten hsCRP-Wert haben. Ohne ihn zu messen, gibt es keine Möglichkeit, ihn zu erkennen.
Der Ahead Advanced Bluttest (CHF 299) umfasst über 80 Biomarker, darunter hsCRP, ApoB, HbA1c, Insulin, BSG und ein vollständiges Differenzialblutbild. Diese Marker zusammengenommen ergeben ein deutlich umfassenderes kardiovaskuläres Risikoprofil als ein einfaches Lipidpanel allein. Jedes Ergebnis wird mit einem ärztlich geprüften Bericht und einem personalisierten Massnahmenplan geliefert.
Wenn Ihre Entzündungsmarker erhöht sind, stellt sich die nächste Frage: Was passiert bereits in Ihren Arterien? Ein Herz-CT Kalzium-Score (CHF 470) misst kalzifizierte Plaques in den Koronararterien direkt. Die Untersuchung dauert wenige Minuten, verwendet eine niedrige Strahlendosis und liefert eine Zahl: Ein Score von null bedeutet keine nachweisbaren kalzifizierten Plaques, während höhere Werte auf Ablagerungen hinweisen, die eine engere Überwachung oder Intervention erfordern könnten. Die Kombination von hsCRP mit einem Kalzium-Score ist eine der aussagekräftigsten in der Präventivkardiologie: Der Bluttest zeigt den Entzündungsprozess, der Scan zeigt das strukturelle Ergebnis.
Für die laufende Kontrolle beinhaltet die Ahead Mitgliedschaft (ab CHF 299/Jahr) bis zu vier Bluttests pro Jahr, sodass Sie verfolgen können, ob Ihre Entzündungsmarker auf die Veränderungen reagieren, die Sie vornehmen. Ein einzelner hsCRP-Wert ist nützlich. Ein Verlauf über 6 bis 12 Monate ist weitaus informativer, weil er zeigt, ob sich der zugrundeliegende Prozess verbessert, stabil bleibt oder verschlechtert.
Zusatzversicherungen können einen Teil der Kosten für unsere Ganzkörper-Check-ups übernehmen. Die KPT-Zusatzversicherung „Pulse" erstattet beispielsweise bis zu CHF 1'500 für Ahead Health Leistungen.
Fazit
Niedriggradige Entzündung ist keine Randtheorie. Sie ist ein etablierter, evidenzbasierter kardiovaskulärer Risikofaktor mit Jahrzehnten an Forschung, einschliesslich zweier wegweisender klinischer Studien, die das Denken in der Prävention verändert haben. Die Limitation liegt nicht in der Wissenschaft, sondern in der Lücke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was routinemässig gemessen wird. HsCRP neben den Lipiden zu kennen, ersetzt die traditionelle Risikobeurteilung nicht, sondern schärft sie, manchmal erheblich. Und im Gegensatz zu vielen Risikofaktoren kann man einer Entzündung aktiv entgegenwirken.
Sources
- Sources Swiss Heart Foundation — cardiovascular disease statistics in Switzerland. https://www.swissheart.ch [VERIFY]
- Ridker P et al. "C-reactive protein and cardiovascular risk among women with no standard modifiable risk factors: evaluating the 'SMuRF-less but inflamed.'" European Heart Journal, 2026; 47(3):306–314. https://academic.oup.com/eurheartj/article-abstract/47/3/306/8242429
- Ridker PM et al. "Rosuvastatin to Prevent Vascular Events in Men and Women with Elevated C-Reactive Protein." New England Journal of Medicine, 2008. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa0807646
- Ridker PM et al. "Canakinumab and cardiovascular outcomes: results of the CANTOS trial." PMC, 2018. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5804673/
- "C-reactive protein and cardiovascular risk in the general population." European Heart Journal, 2025. https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaf937/8377304
- "Universal screening for hsCRP in patients with atherosclerotic disease." European Heart Journal, 2024. https://academic.oup.com/eurheartj/article/45/44/4731/7742303
- "Inflammation and Cardiovascular Disease: 2025 ACC Scientific Statement." JACC, 2025. https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacc.2025.08.047
Häufig gestellte Fragen

Growth Lead
Led commercial and strategy projects in Life Sciences and Global Public Health at McKinsey & Company, including work across commercial due diligence, market access, and growth strategies. Holds a Master's in Banking and Finance from the University of St. Gallen with a focus on data science and quantitative methods.


